Picknick im Freien – endlich ist es wieder soweit! Die Sonne scheint, wir sind wieder so viel wie möglich draußen und genießen das schöne Wetter, haben gute Laune – und Hunger.
Giulia Enders im Interview: „Organisch“ – den Körper verstehen lernen

© Julia Sellmann
[Veröffentlicht: 20.04.2026]
Mit „Darm mit Charme“ hat Giulia Enders unser Bild vom Verdauungssystem revolutioniert. In ihrem neuen Buch „Organisch“ richtet sie den Blick auf den gesamten Körper: auf seine Kommunikationswege, seine innere Logik, seine feinen Warnsysteme und seine Fähigkeit, Entscheidungen schneller zu treffen, als unser Verstand.
Im Interview spricht Giulia Enders über biologische Intuition, gesellschaftlichen Leistungsdruck und darüber, wie wir lernen können, wieder im Einklang mit unserem Körper zu leben, statt gegen ihn zu arbeiten.
Interview mit Giulia Enders
Ihr Buchtitel „Organisch“ klingt zugleich wissenschaftlich und warm. Welche inhaltliche Richtung schlagen Sie damit ein?
Tatsächlich glaube ich, dass es möglich ist, Wissenschaft und Wärme, Rationalität und Gefühl miteinander zu verbinden. Ich nenne das auch ‚fühlbares Wissen‘. In einer Welt, in der wir derart mit Informationen überhäuft werden, wie es heutzutage der Fall ist, braucht es das! Wir können unseren Körper nicht nach dem To-Do-Listen-Prinzip abhaken, ihn rücksichtslos mit Fitnessregimes tortieren oder starren Diäten ohne Genuss folgen. Wenn wir das Körperliche nicht besser verstehen und dieses Wissen auch fühlen, arbeiten wir unnötig gegen unsere wichtigste Grundlage an.
Sie haben den Darm auf die Bühne geholt. In „Organisch“ weitet sich Ihre Perspektive – wie kam es dazu?
Als Ärztin im Krankenhaus hätte ich am liebsten immer nur Darmprobleme behandelt, aber ich musste schnell feststellen, dass es nicht reicht, mich nur mit einem Organ auszukennen. Menschen mit einem Reizdarmsyndrom schlafen häufig unruhig – also musste ich mich im Schlaf einlesen und damit auch in das Gehirn, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Eine schlechte Luftqualität führt zu vermehrten Bauchschmerzen – ich las über die Lunge mit der Frage, warum. Letztendlich hängt in einem Körper eben doch alles zusammen.

© Julia Sellmann
Giulia Enders
Ärztin und Bestseller-Autorin
Sie schreiben, wie Organe Entscheidungen treffen, bevor wir etwas bewusst wahrnehmen. Wie können wir uns das vorstellen?
Zum Beispiel gibt es das Phänomen, dass wir rennen, um einen Bus zu erwischen, und plötzlich bekommen wir schwere Beine. Wir können dann nur noch langsam laufen, obwohl das bewusste Denken gerne schneller wäre. Dieses Phänomen entsteht nicht, weil unsere Muskeln es nicht besser schaffen, sondern weil sie dem Gehirn ein Signal senden: Es soll uns gefälligst nicht so nah an die Belastungsgrenze bringen! Hat das Gehirn kein wirklich schwerwiegendes Gegenargument, zum Beispiel, weil der nächste Bus in 10 Minuten kommt, gilt die Warnung der Muskeln. So etwas zeigt, dass im Körper nicht nur das Gehirn das Sagen hat. Werden in Experimenten die Nerven, die von den Muskeln hoch zum Gehirn laufen, betäubt, können wir auf einmal wieder schnell laufen.
Unsere Gesellschaft ist stark auf Funktionieren ausgerichtet. Wie nehmen Sie das wahr?
In gewissem Maße ist es gut, wenn Dinge funktionieren und wir uns dafür Mühe geben. Ich habe auch nichts dagegen, wenn ein Körper mal zurückstecken muss, um etwas Wichtiges zu schaffen. Ich glaube allerdings, dass unsere Körper oft unnötig ausgenutzt werden. Wir kämen im Beruf zum Beispiel weiter, wenn wir stimmig mit dem Körper zusammenarbeiten, statt gegen ihn anzukämpfen. In der medizinischen Arbeitsforschung ist etwa schon lange bekannt, dass eine E-Mail-freie Stunde oder ein Nickerchen nach einer harten Nacht zu mehr Produktivität führt als eine Stunde längeres Arbeiten. Funktionieren ist also nicht per se verkehrt – aber zu welchem Preis und wie?
Ganz persönlich beschreiben Sie, dass Sie selbst manchmal gegen Ihr Körpergefühl arbeiten. Warum war Ihnen das wichtig?
Weil ich kein perfekter Guru bin. Im Gegenteil – oft haben mich meine Patientinnen und Patienten erst darauf gebracht, wie auch ich meinen Körper falsch verstehe. Sich dem Körper wieder zu nähern, ist ein Prozess, ähnlich wie das Kennenlernen eines anderen Menschen. Das wollte ich damit offenlegen und damit spielen.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Ihrer Recherche haben Sie selbst am meisten überrascht?
Ich fand es sehr erstaunlich, dass neurologisch gesehen der Verstand dem Gefühl unterlegen ist: Gefühle und körperliche Signale entstehen schneller und beeinflussen Entscheidungen, noch bevor wir sie bewusst treffen. Auch die Muskeln haben mich fasziniert, mit ihrer ganz eigenen Perspektive auf Kraft und Leistung: Sie bremsen uns manchmal, nicht aus Schwäche, sondern um den Körper zu schützen – so wie in Situationen, in denen wir eigentlich schneller wollen, uns der Körper aber schon früh warnt. Beim Immunsystem hat mich besonders überrascht, dass es stark auf Neugier und Selbstkenntnis setzt – es lernt ständig dazu und reagiert nicht nur auf Bedrohung, sondern gewinnt Sicherheit gerade durch dieses Kennenlernen.
Wir wissen oft, was uns guttut – schaffen es aber nicht, es umzusetzen. Wie kann eine Veränderung entstehen, die mit uns im Einklang ist?
In meiner Erfahrung fehlen uns manchmal einfach Informationen. Wenn das Gehirn dem Körper nur plumpe Befehle gibt, wie: „Hör auf Süßigkeiten zu essen.“, dann reicht das nicht. Zuerst macht es Sinn, zu verstehen, warum unser Körper überhaupt Lust auf Süßes hat. Oft ist die Antwort dann komplexer und klüger als einfach nur ‚lecker‘. Vielleicht sind wir müde und das Dopamin liefert kurzfristig einen Energiekick, vielleicht war der Tag stressig und wir brauchen ein bisschen Entspannung und belohnende Gefühle? Erst wenn wir diese nachvollziehbaren Bestrebungen erkennen, können wir dem Körper etwas Passendes anbieten. Vielleicht sind das Atemübungen? Vielleicht ein Duftöl? Vielleicht dunkle Schokolade und getrocknete Sauerkirschen statt etwas Zuckrigem? Das kann eine Person dann für sich selbst entscheiden …
Was hilft uns, wieder mehr auf unseren Körper zu hören?
Ein bisschen öfter auch mal den Körper erkunden, wie es ihm geht. Wie ist die Atmung, der Herzschlag, die Muskeln? Ich mag es auch, mich beim Aufwachen zu fragen: Wie würde ich mich heute gerne fühlen? Habe ich Lust, nach dem Sport in der Dusche zu stehen oder etwas Nahrhaftes zu kochen und genüsslich zu essen? Auf solchen Fragen komme ich sehr viel leichter zu guten Entscheidungen als aus dem Druck ‚gesund zu sein‘.
Was ist Ihre Hauptbotschaft von „Organisch“, die Sie den Menschen mitgeben möchten?
Es gibt ein Gegengewicht zu dieser lauten Welt da draußen. Unsere Innenwelt lässt sich genauso erkunden und bewundern. Mit ein bisschen mehr Wissen und Verständnis gelingt eine wertschätzende Kooperation zwischen Körper und Gedanken – die Zeiten des altmodischen Ankämpfens gegen alles Körperliche sind vorbei.
Auf einen Blick
- Unser Körper sendet ständig Signale – oft schneller als unser Verstand
- Leistung entsteht nachhaltiger, wenn Körper und Kopf zusammenarbeiten
- Wissen über körperliche Zusammenhänge kann helfen, bessere Entscheidungen zu treffen
- Selbstwahrnehmung ist ein Prozess, kein Perfektionsziel
FAQ – häufige Fragen zum Buch „Organisch“
Zum Weiterlesen
In ihrem neuen Buch Organisch zeigt uns die Erfolgsautorin Giulia Enders, wie der Blick in unseren Körper uns helfen kann, uns selbst und das Leben besser zu verstehen.
Ullstein Buchverlage
24,99 Euro

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Autor:in: Doreen Thal-Henschel


