„Stille Entzündungen sind der unterschätzte Motor hinter vielen Krankheiten“

© Ulrike Schacht / Curemotion
Dr. med. Anne Fleck: Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie, Tätigkeitsschwerpunkt Ernährungsmedizin und Prävention, Autorin und Podcast-Host.
Stille Entzündungen gelten als einer der stärksten – und am meisten unterschätzten – Treiber chronischer Erkrankungen. Wir haben mit Dr. med. Anne Fleck gesprochen: Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie, Ernährungsmedizinerin, Bestsellerautorin und Podcast-Host. Im Interview erklärt sie, wie sie stillen Entzündungen in der Praxis auf die Spur kommt, warum sie so tückisch sind und was ihr wichtigster Tipp für die Prävention ist.
Wissen auf einen Blick
- Dr. Fleck sieht stille Entzündungen als unterschätzten Motor hinter Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes, Demenz und Stimmungstiefs.
- Zur Diagnostik gehören unter anderem hochsensitive Entzündungsmarker (hs-CRP), der Omega-3-Index, der Vitamin-D-Spiegel und die Darmgesundheit.
- 70 bis 80 Prozent unseres Immunsystems sitzen im Darm.
- Ihr wichtigster Tipp: hochwertige Omega-3-Fette wie Algenöl täglich, buntes Gemüse und Beeren, entzündungshemmende Gewürze, ausreichend Ballaststoffe – bei gleichzeitig weniger Zucker, verarbeitete Lebensmittel und Dauerstress.
Inhaltsverzeichnis
- Erster Kontakt mit dem Thema in der Praxis
- Wie kommt man stillen Entzündungen diagnostisch auf die Spur?
- Das Tückische an stillen Entzündungen
- Einfluss auf ein langes, gesundes Leben
- Die Rolle des Mikrobioms
- Der wichtigste Tipp für die Prävention
Wann sind Sie als Ärztin erstmalig auf das Thema Stille Entzündungen gestoßen und wie oft ist das heute Thema in der Praxis?
Das war schon relativ früh in meiner Tätigkeit als Internistin und Rheumatologin. Ich habe gemerkt: Viele Patientinnen und Patienten kamen mit diffusen Beschwerden – Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Hautproblemen, Bauchbeschwerden, und die klassischen Laborwerte waren oft „normal“. Doch wenn man genauer hinschaut, steckt dahinter häufig eine schwelende Entzündung. Fast jeder, der mit chronischen Beschwerden, zum Beispiel Autoimmunkrankheiten zu tun hat, leidet an stiller Entzündung. Es ist der unterschätzte Motor hinter so vielen Erkrankungen – von den genannten Autoimmunerkrankungen über Herz-Kreislauf-Krankheiten bis hin zu Diabetes, Demenz, Energiemangel und sogar Stimmungstiefs.
Wie kommt man den stillen Entzündungen diagnostisch auf die Spur?
Man muss genauer hinschauen als nur auf die Standardwerte. Ich schaue mir zum Beispiel hochsensitive Entzündungsmarker an (wie hs-CRP), den Omega-3-Index, Vitamin-D-Spiegel, und andere Nährstoffspiegel, ganz wichtig: den Darm, wo 70–80 Prozent unseres Immunsystems sitzt. Denn die Entzündung ist erst mal eine physiologische Reaktion des Immunsystems. Sie kommt und sie geht, wenn sie jedoch permanent angestachelt bleibt, wird es zum Problem. Oft decke ich eine gestörte Darmbarriere („Leaky Gut“) und ein unausgewogenes Mikrobiom auf, nicht selten auch eine unerkannte Glutenunverträglichkeit, diese Fakten sind oft der Ausgangspunkt ähnlich wie Störfelder in der Mundhöhle, Parodontitis etc. Auch die Lebensgeschichte zählt: Ernährung, Bewegung, Nahrungsergänzung, die Einnahme von Medikamenten, Qualität und Dauer des Schlafs etc., seelischer und körperlicher Ausgleich. Ich sehe mich als eine Art Medizin-Detektivin. Es geht darum, die Ursachen zu finden, nicht nur Symptome zu unterdrücken.
Was ist aus Ihrer Sicht das Tückische an stillen Entzündungen?
Dass sie so leise und heimlich arbeiten. Man fühlt sich „nur“ müde, hat ein bisschen Bauchfett, ab und zu Kopfschmerzen oder Gelenkbeschwerden, oder Muskelschmerzen oder Blähungen und denkt: „Ist halt so im Alltag.“ Dabei läuft im Hintergrund ein ständiges Entzündungsfeuer, das die Zellen, die Gefäße und das Immunsystem schädigt. Das Tückische ist: Man merkt es oft erst, wenn schon größere Probleme da sind. Und viele werden dann fälschlich als „gestresst“ oder „psychisch“ abgestempelt, obwohl der Körper einfach nur um Hilfe ruft. Für viele ist Medizin ein Reparaturbetrieb, der dann in Gang kommt, wenn Symptome vorliegen. Für mich ist moderne Medizin die Kunst, gar nicht erst krank zu werden. Wir müssen endlich mehr in Gesundheit denken, was das bedeutet. Auf diese Spurensuche habe ich mich auch in meinem neuen Buch „Healthy“! gemacht. Dort widme ich mich auch intensiv dem Thema Entzündungen, Entzündungsaltern und wie wir Entzündungen von Kindesbeinen an vorbeugen.
Welchen Einfluss haben stille Entzündungen, wenn man an „länger gesund leben“ denkt?
Einen riesigen. Longevity heißt nicht nur länger leben, sondern länger gut leben – mit Energie, klarerem Kopf und starken Knochen, Muskeln und guter Belastbarkeit im Alltag. Wir sollten uns die Frage stellen, wie wollen wir alt werden? Wollen wir genug Energie haben, um mit den Enkeln zu toben? Wollen wir Krankheiten wirklich vorbeugen? Nicht alles liegt in unserer Hand, aber so vieles! Ich finde es sehr schade, dass wir in der aktuellen Medizin fast auf die Symptome lauern, anstatt frühzeitig innovativ zu arbeiten und auch die Selbstheilungskräfte explizit zu stärken. Es wäre so wichtig! Denn: Stille Entzündungen beschleunigen den Alterungsprozess, fördern Insulinresistenz, Demenz-Risiko, Herzkreislaufkrankheiten und Autoimmunprozesse. Wer die Entzündungen über den Lebensstil in den Griff bekommt, verlangsamt diese Prozesse spürbar. Das ist einer der stärksten Hebel für ein gesundes, langes Leben. Und dass das möglich ist, kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung als praktizierende Internistin nur bestätigen!
Was erhofft sich die Medizin an der weiteren Erforschung des Mikrobioms im Zusammenhang mit stillen Entzündungen?
Enorm viel. Das Mikrobiom ist unser größtes Gesundheits- und Immunorgan. Bestimmte Bakterien (z. B. die, die kurzkettige Fettsäuren, wichtige Stoffwechselprodukte, wie das Butyrat produzieren) wirken stark entzündungshemmend. Die Forschung zeigt immer klarer: Ein vielfältiges, gesundes Mikrobiom kann Entzündungen dämpfen, das Immunsystem regulieren und sogar die Stimmung und den Stoffwechsel positiv beeinflussen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch gezielter und individueller die Gesundheit unterstützen können – als echten Präventions- und Therapiebaustein, nicht nur als Randthema.
Ihr wichtigster Tipp für die Prävention?
Fangen Sie an, das Gute reinzulassen und das Entzündungsfördernde rauszulassen. Konkret, mein wichtigster Tipp: Setzen Sie auf qualitativ hochwertige Omega-3-Fette (zum Beispiel Algenöl) täglich, reichlich buntes Gemüse und Beeren, Gewürze wie Kurkuma, Ingwer und schwarzer Pfeffer, mehr als 30 g Ballaststoffe für die guten Darmbakterien – und gleichzeitig Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und Dauerstress reduzieren. Dazu: gute Schlafqualität und Bewegung, die Freude macht… Ich spreche übrigens deshalb nicht von Sport, sondern lieber von Bewegung, es muss Freude machen! Beim Buch schreiben ist mir so klar geworden, was ich auch in meiner täglichen Praxisarbeit immer wieder sehe: unser Körper ist ein Wunderwerk! Je mehr ich über ihn lerne und recherchiere, umso mehr gerate ich ins Staunen. Und was wir auch nicht vergessen dürfen: Der Körper hat ein unglaubliches Selbstheilungspotenzial. Wir müssen ihm nur die richtigen Bedingungen schaffen, mit kleinen Hebeln, wie zum Beispiel Ernährung lässt sich bereits so viel erreichen. Ich lade alle ein, etwas mehr in Gesundheit zu denken statt in Krankheit. Es lohnt sich nicht, auf ein besseres System zu warten, wir müssen selbst in die Verantwortung kommen. Und ich freue mich, wenn ich in meiner Lebenszeit und in meiner Berufung als Ärztin, denn für mich ist es kein Beruf, sondern echte Berufung, einen kleinen, bescheidenen Beitrag dazu leisten kann, dass Menschen ihr Leben in Gesundheit und Erfüllung leben können. Ich danke Ihnen deshalb sehr für die Wertschätzung meiner Arbeit und freue mich, wenn wir viele Menschen mit dem Gedanken anstecken, wie wenig man oft nur braucht, um bereits gesünder zu werden!
Weiterführende Informationen unter www.doc-fleck.de
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Autor:in: Redaktion


